Der Schmerzort ist selten der Problemort: Was eine Primärläsion ist
Ein Bandscheibenvorfall auf Höhe L5/S1 – aber die eigentliche Ursache liegt bei Th12/L1. Was eine Primärläsion ist, wie sie gefunden wird und warum die Rayess-Schöning Technique dort ansetzt, nicht am Ort des Schmerzes.

Am 6. September 2026 stand Florian Schöning beim IGMEDT-Kongress im Europahaus Wien auf der Bühne – im letzten Slot des Tages, halbiert durch die vorangegangenen Vorträge. Keine Zeit für Theorie, nur für das, was in der Praxis zählt: die Suche nach der primären Läsion.

Offizielles Kongressplakat der IGMEDT 2026, Europahaus Wien (Quelle: iggmed.org).
Was eine Primärläsion ist
Die meisten diagnostischen Blicke richten sich auf den Ort, an dem der Patient den Schmerz spürt, oder auf die Stelle, an der das MRT einen Befund zeigt. Die Primärläsion-Diagnostik dreht diese Reihenfolge um: Sie fragt zuerst, wo entlang der Wirbelsäule sich die eine Stelle befindet, die das gesamte System irritiert – unabhängig davon, wo der Schmerz auftritt oder wo im Bild etwas auffällt.
„Angenommen, es ist ein Bandscheibenvorfall L5/S1 und die primäre Läsion ist Th12/L1 – dann behandeln Sie Th12/L1. Fertig."
Der Bandscheibenvorfall bleibt dabei, wo er ist. Er wird nicht behandelt, weil er nach dieser Diagnostik nicht die Stelle ist, die das System aufrechterhält.
Wie die Methode entstanden ist
Die Technik stammt von Dr. Adel Rayess, Osteopath D.O. aus dem Libanon, der die primäre Läsionsstelle seit 28 Jahren untersucht. Entdeckt hat er sie nicht am Patienten, sondern am Seziertisch: Während seiner Ausbildung zum Osteopathen war er dafür zuständig, Leichen für die Anatomie mit dem Skalpell vorzubereiten.
„Und dabei ist ihm aufgefallen, dass, so lange er an der Wirbelsäule entlangfährt, es immer eine Stelle gibt, wo das Skalpell nicht flüssig durchläuft, sondern wo er richtig arbeiten musste." Diese Stelle lag bei jedem Körper an einer anderen Höhe. Die Frage, ob es diese eine feste Stelle auch am lebenden Patienten gibt, wurde zum Ausgangspunkt einer Methode, die Dr. Rayess seither drei Jahrzehnte lang verfeinert.
Eine Stelle finden, eine Stelle behandeln
Das Prinzip dahinter beschreibt Florian Schöning in Wien in einem Satz: „Das Entscheidende an der Methode ist, die eine Stelle zu finden, die eine Stelle zu behandeln und alles in Ruhe zu lassen."
Das unterscheidet die Rayess-Schöning Technique von einem Vorgehen, das sich an der Symptomkarte orientiert und mehrere Segmente parallel behandelt. Am Anfang steht stattdessen eine einzige diagnostische Frage: Wo ist die primäre Läsion – nicht: Wo tut es weh.
Ergänzend dazu spielt die Wirbelsäulen-Adjustierung selbst eine Rolle: Sie zählt zu den stärksten manuellen Zugängen zum Nervensystem, weil ihr Input auf das System besonders unmittelbar wirkt. Entscheidend ist dabei nicht die Kraft der Technik, sondern dass sie exakt an der zuvor gefundenen primären Läsionsstelle ansetzt – nicht irgendwo entlang der Wirbelsäule.
Zwei Wege, die Primärläsion zu finden
In Wien hat Florian Schöning zwei Zugänge vorgestellt, die im Seminar nebeneinander unterrichtet werden:
- Palpation. Wer geübt darin ist, mit den Händen zu arbeiten, kann die primäre Läsionsstelle ertasten – Dr. Rayess untersucht und behandelt in dieser Reihenfolge grundsätzlich manuell.
- MRT-Interpretation. Wer keine Erfahrung mit Handarbeit hat, liest das MRT-Bild anders: nicht auf den auffälligsten Befund schauen, sondern auf die Stelle, die das System irritiert. Dr. Rayess hat sein System so weit ausgebaut, dass sich die primäre Läsion auch allein anhand des Bildes lokalisieren lässt.
Ein dritter Zugang – das Nervoscope als apparative Ergänzung – ist Thema eines eigenen, noch zu schreibenden Beitrags.
Ehrlichkeit statt Erfolgsversprechen
Auf die Frage, ob sich jede primäre Läsion gleich schnell finden und behandeln lässt, hat Florian Schöning in Wien offen geantwortet: „Wenn das so wäre, dann wäre ich Tremor-Spezialist und würde hier nicht stehen und reden, dann wäre ich irgendwo am Strand." Es gibt Fälle, bei denen sich die primäre Läsion rasch zuordnen lässt – und Fälle, bei denen es deutlich mehr Erfahrung braucht.
Wichtig für die Einordnung dieses Beitrags: Die im Vortrag und im Seminar gezeigten Fallbeispiele sind Einzelfalldokumentationen aus der Praxis von Dr. Rayess und Florian Schöning. Sie belegen ein diagnostisches Vorgehen, keine Erfolgsgarantie – individuelle Verläufe unterscheiden sich, und nicht jede primäre Läsion spricht gleich schnell an.
Warum das für ein fachlich geschultes Publikum relevant ist
Für Ärzte, Heilpraktiker und Osteopathen, die ein MRT mit Bandscheibenvorfall längst hundertfach gesehen haben, verschiebt die Primärläsion-Diagnostik die Fragestellung: nicht „Wie behandle ich den Befund", sondern „Ist der Befund überhaupt die Ursache". Bei chronischen oder mehrfach voroperierten Fällen ist genau diese Verschiebung häufig der Punkt, an dem sich zuvor naheliegende Behandlungsansätze als wirkungslos erwiesen hatten.
Die Injektionstechnik, mit der sich eine gefundene primäre Läsion zusätzlich behandeln lässt – 5 % Dextrose perineural, keine Prolotherapie – ist Thema eines eigenen Beitrags.
Wie man das lernt
Die Primärläsion zu lokalisieren ist nach beiden Zugängen – Hand oder Bild – eine Fertigkeit, die sich trainieren lässt, keine Begabung, die man mitbringen muss. Im NeuroSPINE Seminar Level 1 unterrichten Dr. Adel Rayess und Florian Schöning genau das: die Diagnostik der primären Läsion und, im zweiten Teil, die NeuroNJect-Injektionstechnik, mit der sich die gefundene Stelle gezielt behandeln lässt.
NeuroSPINE Seminar Level 1 · 25.–27. September 2026 · Europahaus Wien · mit Dr. Adel Rayess und Florian Schöning · 3 Tage, 70 % Praxisanteil, 20 Plätze.
Florian Schöning — Heilpraktiker und Physiotherapeut (M.Sc.), Mitbegründer von NeuroSPINE und Entwickler der NeuroNJect-Injektionstechnik. 20 Jahre klinische Erfahrung · 120+ Fortbildungen · NeuroNJect/Neuromodulation.
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